Apostelgeschichte 4,12: Rettung allein im Namen Jesu?

Ein beliebter Vorwurf an Zeugen Jehovas lautet (salopp formuliert): Es ist sinnlos, solch einen Nachdruck auf den Namen Gottes „Jehova“ zu legen, denn es ist (allein) der Name „Jesus“, in dem wir gerettet werden.

Dieser Vorwurf wird dann gerne mit einigen Bibeltexten garniert, wie z.B. Apostelgeschichte 4,12; Römer 10,13; Philipper 2,9-11. Wenn wir uns diese Verse anschauen, dann könnte man auf den ersten Blick auf die Idee kommen, dass dort davon die Rede ist, dass es der Name „Jesus“ ist, der allein mit unserer Rettung verknüpft ist.

Rettung im Namen Jesu

So kann ich z.B. im Internet auf verschiedenen Seiten (und in Büchern) Kommentare wie folgende lesen:

Was den Stellenwert von Namen betrifft, sagt das NT ganz klar, dass es nur einen Namen gibt, „in welchem wir errettet werden müssen“ (Apg 4,12). Aus dem Zusammenhang (vgl. Apg 4,10-11) ist klar, dass dies der Name des Herrn Jesus Christus ist.

Dies kann man gar nicht genug betonen: Nur im Namen Jesu gibt es Rettung. Gott selbst hat keinen anderen Namen vorgesehen, mit dessen Kenntnis man gerettet wird. Es ist daher sogar nutzlos, wenn man den Eigennamen Gottes (JHWH) kennt oder gar gebraucht, wenn man nicht den Namen von Jesus kennt und schätzt und durch Jesus zum Heil/zur Rettung findet.

Als Fischotter interessiert mich diese Frage: Bedeuten Texte wie Apostelgeschichte 4,12, dass der Name des Vaters („Jehova“) nun nicht mehr benutzt werden müssen oder sollen? Erfolgt Rettung wirklich nur durch den Namen Jesu?

Wenn wir uns den Text aus Apostelgeschichte 4,12 anschauen, dann sehen wir zuerst einmal, dass es dort zwei wichtige Punkte gibt, welche gerne übersehen werden:

Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. (LU)

Der erste wichtige Punkt: Der Name wurde „gegeben“. Von wem? Wenn wir den Kontext der Apostelgeschichte vergleichen, dann ist es eindeutig Gott (für Trinitarier: „Gott, der Vater“), der diesen Namen gegeben hat (vgl. u.a. Vers 19). Der zweite Punkt: Der Name ist „unter den Himmeln“. Wieso dieser Zusatz? Weil die Apostel gerade vor dem Sanhedrin standen, dem höchsten jüdischen Gericht, welches wenige Wochen oder Monate vorher Jesus zum Tode verurteilt hatte. Hätte Petrus hier den Anspruch erhoben, dass der Name Jesu den Namen Gottes ersetzt (oder auch nur ihm gleichzusetzen sei), dann wären die Apostel wegen Gotteslästerung angeklagt (und wohl auch verurteilt) worden. Dadurch, dass die Apostel hier davon reden, dass Jesu Name „unter den Himmeln“ gegeben wurde, stellten sie eindeutig klar, dass Jesu Name nicht in Konkurrenz zum Namen Gottes steht, sondern, dass es sich um den Namen von Gottes Diener handelt.

Wieso kann ich das so sicher sagen? Einen wichtigen Hinweis finde ich, wenn ich mir anschaue, wem das NT die Rettung (für Protestanten: das Heil) zuschreibt. Natürlich gibt es zahlreiche Texte, in denen die Rettung Jesus zugeschrieben wird. Hier eine Auswahl:

Lukas 2,11: Denn euch ist heute ein Retter geboren, der ist Christus, der Herr, in Davids Stadt. (EB)

Johannes 4,42: wir selbst haben gehört und wissen, dass dieser [Jesus] wahrhaftig der Retter der Welt ist. (EB)

Epheser 5,23: …wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. (EÜ)

Philipper 3,20: …vom Himmel her erwarten wir auch unseren Retter – Jesus Christus, den Herrn. (NGÜ)

2.Timotheus 1,10: Das ist jetzt Wirklichkeit geworden, denn unser Retter Jesus Christus ist gekommen. (HfA)

Titus 1,4: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Retter! (EB)

Titus 2,13: und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, (LU)

Titus 3,6: den Gott uns durch unseren Retter Jesus Christus in reichem Maße geschenkt hat. (HfA)

Hebräer 2,10: Aber um diesen Plan zu verwirklichen, war es notwendig, den Wegbereiter ihrer Rettung [=Jesus] durch Leiden ´und Sterben` vollkommen zu machen.(NGÜ)

2.Petrus 1,1: Dieser kostbare Glaube wurde uns geschenkt, weil wir durch Jesus Christus, unseren Retter, von Gott angenommen sind. (HfA)

2.Petrus 1,11: Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus. (EB)

2.Petrus 2,20:  Viele sind durch Jesus Christus, unseren Herrn und Retter, dem Verderben der Welt entkommen. (NL)

2.Petrus 3,18: Nehmt vielmehr in der Gnade zu und lernt unseren Herrn und Retter Jesus Christus immer besser kennen. (NeÜ)

Der Trend geht zum Zweit-Retter?

Bisher kannst du möglicherweise nicht erkennen, worum es mir geht; denn wenn Jesus unser Retter ist, dann könnte man tatsächlich geneigt sein zu meinen, dass der Name Jesu wirklich den Namen Jehovas ersetzt. Aber wenn wir weiter schauen, dann sehen wir, dass nicht Jesus allein der Retter ist:

Lukas 1,47: und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter,  (Schl)

1.Timotheus 1,1: Paulus, Apostel Jesu Christi nach dem Befehl Gottes, unseres Retters (Schl)

1.Timotheus 2,3: In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, (NGÜ)

1.Timotheus 4,10: denn wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt. Er ist der Retter aller Menschen,  (GN)

Titus 1,3: Gott, unser Retter, hat mir deshalb den Auftrag gegeben, diese Botschaft überall zu verkünden. (HfA)

Titus 2,10; damit ihr Beispiel die Menschen von der Botschaft Gottes, unseres Retters, überzeugt. (HfA)

Titus 3,4: Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, (EÜ)

Judas 25: dem allein weisen Gott, unserem Retter, gebührt Herrlichkeit und Majestät, Macht und Herrschaft jetzt und in alle Ewigkeit! Amen. (Schl)

Offenbarung 12,10: Die Rettung und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus sind da! (NL)

Offenbarung 19,1: Die Rettung kommt von unserem Gott. (NL)

Und es sollte auch für Trinitarier offensichtlich sein, dass an diesen Stellen Gott, der Vater als Retter bezeichnet wird und nicht Jesus. Und damit haben wir doch zwei Retter: Jehova und Jesus. Wie passt das zur Aussage, dass allein Jesus rettet? Bevor wir darauf kommen, noch folgender Bibeltext, in dem ausdrücklich bestätigt wird, dass es zwei Retter gibt:

Offenbarung 7,10: Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm (=Jesus). (HfA)

Wie passt das nun zusammen? Wenn allein Jesu Name uns rettet, wieso ist Gott, der Vater (Jehova), dann auch unser Retter? Es gibt eine weitere Kategorie von Texten, die zwar von Jesus als unserem Retter sprechen, in denen aber von einem Aspekt die Rede ist, welcher klar zeigt, dass zwischen Jesus, dem Retter und Gott, dem Retter ein wesentlicher Unterschied besteht:

Apostelgeschichte 5,31: Gott hat ihn (=Jesus) durch seine Macht zum Herrscher und Retter erhoben, (HfA)

Hier redet wieder Petrus, der zu Anfang mit den Worten zitiert wurde, dass allein im Namen Jesu Rettung zu erwarten ist. Hier konkretisiert er diese Aussage: Jesus wurde von Gott als Retter gesandt. Dies war eine Idee, welche seinen jüdischen Zuhörern bereits bekannt war; sie hatten das gleiche bereits im Buch Richter von anderen Personen gelesen:

Richter 3,9: Da ließ der HERR den Söhnen Israel einen Retter erstehen, der rettete sie: Otniël, den Sohn des Kenas (EB)

Richter 2,16: Da ließ der HERR Richter aufstehen, die retteten sie aus der Hand ihrer Plünderer. (EB)

Die Juden waren mit dem Konzept bekannt, dass Gott rettet, er sich aber eines Menschen (oder eines Engels bzw. eines anderen Geschöpfes) bedient, der die eigentliche rettende Tat in seinem Auftrag ausführt. Und Petrus berief sich hier genau auf diese Idee: Jesus wurde nicht als der rettende Gott vorgestellt, sondern als Gottes Diener, der von Gott ausgesandt wurde, um eine rettende Tat zu vollbringen; und hier im Falle Jesu war es die ultimative rettende Tat, welche jeden Menschen ein für allemal retten kann.

Wenn Petrus aber Jesus als einen Gesandten Gottes vorstellt, dann ist die Idee absurd, dass er als Jude den Namen Gottes durch den Namen eines Dieners Gottes ersetzen wollte. Und in der Tat hat Petrus dies auch nicht getan; die zu Anfang genannten Einschränkungen in der Aussage Petri („gegeben“ „unter den Himmeln“) sind also nach seinen eigenen Worten so zu verstehen, dass es nicht darum ging, Jesus als Retter an die Stelle Gottes zu stellen.

Der Apostel Paulus bestätigt diesen Gedanken in seiner Rede in der Synagoge von Antiochia in Pisidien, genauso wie Johannes in seinem Brief:

Apostelgeschichte 13,23: Einen von Davids Nachkommen hat Gott nun dem israelitischen Volk als Retter gesandt, wie er es zugesagt hatte, und das ist Jesus. (NGÜ)

1.Johannes 4,14: Wir haben es selbst erlebt, und darum bezeugen wir: Gott, der Vater, hat seinen Sohn in diese Welt gesandt, um sie zu retten. (HfA)

Viel deutlicher kann man es nicht ausdrücken: Gott der Vater ist Urheber der Rettung, die von Jesus ausgeführt wird. Damit sind Gott und Jesus Retter in unterschiedlichem Sinne.Wenn sie aber Retter in zwei unterschiedlichen Kategorien sind, dann kann es auch ohne Problem zwei Namen geben, die „einzig“ zur Rettung dienen, nämlich in jeder Kategorie jeweils einer. So ist dann „Jehova“ der Name der allein in der Katogorie „rettender Gott“ steht, und „Jesus“ ist der einzige Name in der Kategorie „von Gott gesandter Retter“.

Dies wird auch durch folgenden Text bestätigt, in dem Jesus auch als Retter bezeichnet wird, aber ein anderes Wort als das übliche benutzt wird:

Lukas 2,30: Mit meinen eigenen Augen habe ich die Rettung gesehen, die du für alle Völker vorbereitet hast. (NeÜ)

Diese Worte beziehen sich nach dem Kontext eindeutig auf Jesus. Hier wird aber nicht das übliche griechische Wort für Rettung (σωτηρία) und auch nicht das Wort für Retter (σωτήρ) verwendet, sondern es wird der Ausdruck τὸ σωτήριόν verwendet. Nach Thayers Greek lexicon kann dieser Ausdruck hier wie folgt wiedergegeben werden: „Derjenige, der diese Rettung verkörpert“ oder „Derjenige, durch den Gott diese Rettung vollbringt“. Daher ist die Wiedergabe der NWÜ an dieser Stelle wesentlich besser als die der meisten anderen deutschsprachigen Übersetzungen, da diese Nuance im Text wie folgt ausgedrückt wird: „dein Mittel zur Rettung„.

Ergebnis

Diese Punkte demonstrieren eindeutig, dass im NT Jesus der Retter nicht Gott den Retter aus dem AT in irgendeiner Form ersetzt, sondern er ist ein weiteres (natürlich das wichtigste und einmalige) Instrument, dessen sich Gott zur Rettung der Menschen bedient. Und das hat natürlich eine wichtige Folge für unser Verständnis von Apostelgeschichte 4,12: Wenn Jesus ein Retter im Auftrag Gottes ist, und ihn nicht ersetzt, dann ist auch nicht einzusehen, dass der Name Jesu den Namen Jehovas ersetzen soll, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Petrus dies so gar nicht sagt.Wie oben gezeigt ist „Jesus“ der einzige Name in der Kategorie „von Gott gesandter Retter“.

Der Sinn des Textes aus Apostelgeschichte 4,12 ergibt sich damit wie folgt: Jesus ist das einzige Instrument, dessen sich Gott zur Rettung der Menschen bedient, daher muss jeder Mensch Jesus als den von Gott gesandten Retter anerkennen und seinen Namen in dieser Kategorie als einzigartig behandeln. In keiner Weise wollte Petrus aber damit zum Ausdruck bringen, dass Jesus nun Gott als Retter ersetzt. Als Jude anerkannte Petrus weiterhin das AT. Und damit ist klar, dass folgende Worte aus Jesaja von ihm auch weiter als gültig betrachtet wurden:

Jesaja 12,2-4 Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden. Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils. An jenem Tag [d.h. dem Tag der Rettung!]  werdet ihr sagen: Dankt dem Herrn! Ruft seinen Namen an! Macht seine Taten unter den Völkern bekannt, verkündet: Sein Name ist groß und erhaben! (EÜ)

Da Jesus Gott nicht als Retter ersetzt, bleibt Jehova weiter der Retter wie es in Jesaja beschrieben wird. Und daher gibt es allen Grund anzunehmen, dass der Name Jehovas weiterhin mit unserer Rettung verbunden bleibt. Selbst Apostelgeschichte 4,12 schränkt (bewusst!) die Gültigkeit des Namens Jesu für unsere Rettung so weit ein, dass die Verbindung des Namens Jehovas zur Rettung weiterbesteht. Es wird lediglich ein weiteres Glied in der Kette unserer Errettung nach Gott eingefügt.

Übrigens deutet auch das NT an, dass der Name Jehovas mit der Rettung verbunden bleibt, wenn wir folgende Worte des verherrlichten Jesus aus dem Himmel über diejenigen lesen, die gerettet werden:

Offenbarung 3,12: Den, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht [d.h. etwas vereinfacht: der gerettet wird], werde ich zu einem Pfeiler im Tempel meines Gottes machen, und er wird seinen Platz für immer behalten. Und auf seine Stirn werde ich den Namen meines Gottes schreiben (NGÜ)

Und damit kann ich auch abschließend sagen, warum im NT so häufig vom Namen Jesu und nicht mehr so oft vom Namen Jehovas die Rede ist: Die ersten Christen waren im wesentlichen Juden; erst mit der ersten Missionsreise des Paulus kommen Nichtjuden in nennenswerter Zahl in die christlichen Gemeinden. Und den Judenchristen war bereits klar, dass der Name Jehovas mit ihrer Rettung verbunden war, dass musste man ihnen nicht noch einmal erklären, und daher tritt dies in den Hintergrund.

Andererseits war ihnen neu, dass Jesus der von Gott gesandte Retter ist. Das ist der Grund, warum dies so oft im NT betont wird. Und die Judenchristen hätten eine ausdrückliche Aussage der Apostel benötigt, um das, was sie aus der Bibel bereits wussten, als ungültig zu betrachten; wir können aber sehen, dass die Apostel es ausdrücklich vermieden, Jesus und Jehova als Retter auf die gleiche Stufe zu stellen und damit auch nur anzudeuten, dass Jesu Name den Namen Jehovas ersetzen soll. Stattdessen gibt es auch im NT eine Reihe von Aussagen, welche die Wichtigkeit des Namens Jehovas bestätigen (und das auch in den normalen trinitarischen Bibeln, nicht nur in der NWÜ).

Warum übersehen Trinitarier diese Punkte so gerne? Ein Grund könnte darin bestehen, dass sie vergessen, dass auch im NT meist Juden mit Juden reden, die das AT als gültiges Wort Gottes voraussetzen. Stattdessen machen viele Trinitarier einen gedanklichen Schnitt zwischen dem hebräischen und dem christlichen Teil der Bibel; damit können sie den beiden Teilen eine unterschiedliche Gültigkeit zuweisen und die Aussagen des AT ignorieren , welche nicht in ihre Lehre passen.

4 Kommentare
  1. Bernhard Simon sagte:

    Ausgezeichnete Arbeit wider die Trinität!
    PS, ein keliner Tippfehler: „der Synagoge in der Synogogeo“ die letzten drei Worde wurden wohl vergessen zu löschen?

    • hgp3 sagte:

      Danke für den Hinweis!
      Eigentlich ging es mir mehr um die Benutzung des Namens Gottes, aber wie dein Kommentar zeigt, ist das wohl gedanklich nicht von der Dreieinigkeit zu trennen.

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