Apostelgeschichte 2,21: Welcher Name?

In meinem letzten Beitrag habe ich mich mit der Idee auseinandergesetzt, dass Apostelgeschichte 4,12 davon die Rede ist, dass Christen nur den Namen Jesu zur Rettung benötigen. Ein Vers, den ich dabei bewusst ausließ, stammt aus Apostelgeschichte 2,21. Hier zitiert Petrus den Propheten Joel in seiner Rede zu Pfingsten: „wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“.

Wen meint Petrus damit? Für L. Gassmann ist diese Frage folgendermaßen zu beantworten:

Die Fülle von Jesu Leben und Werk zeigt sich in seinem Namen… Wer den Namen des Herrn anruft, … wird gerettet (Apg 2,17-21; …). Von diesem Namen haben die Christen ihren Namen bekommen.

Er meint also, dass Petrus hier den Juden sagen wollte, sie müssten den Namen Jesu anrufen, um gerettet zu werden. Auch andere sind der gleichen Ansicht, wie folgende zusammenkopierte Meinung aus dem Internet bestätigt:

Jesus ist Gottes Versprechen, dass es Rettung gibt für uns! Der Name Jesus bürgt dafür, dass es keine hoffnungslosen Fälle mehr gibt.
Sein Name ist sogar die Adresse, an die wir uns wenden dürfen:
„Wer den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden!“ Apostelgeschichte 2, 21

Der Kommentar der MacArthur-Studienbibel ist anscheinend der gleichen Ansicht, wenn es dort heißt:

2,21 Jeder, der den Namen des Herrn anruft. Bis zu dieser Stunde des Gerichts und Zorns wird jeder, der sich an Christus als Herrn und Retter wendet, errettet werden …

Was wollte Petrus hier sagen? Redete er von Gott oder von Jesus, als er hier von dem „Herrn“ redete, dessen Namen angerufen werden soll? Interessant ist es, den Kontext genauer zu analysieren. Als erstes stellen wir fest, dass Petrus folgende Passage aus dem AT zitierte:

Joel 3,1-5:  Und danach werde ich meinen Geist auf alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden. Eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer Visionen. Sogar über die Sklaven und Sklavinnen werde ich dann meinen Geist ausgießen. Am Himmel und auf der Erde werde ich wunderbare Zeichen wirken: Blut, Feuer und Rauchwolken. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, bevor der große und furchtbare Tag Jahwes kommt. Dann wird jeder, der den Namen Jahwes anruft, gerettet werden, denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem wird es Rettung geben, wie Jahwe angekündigt hat. Gerettet wird jeder, den Jahwe ruft. (NeÜ)

Die Worte im Joel, welche Petrus zitiert, beziehen sich also eindeutig auf den Namen Gottes und nicht auf den Namen Jesu. Wenn das alles wäre, dann wären wir hier jetzt fertig.

Herr oder Herr?

Sind wir aber nicht! Denn während wir im hebräischen Text von Joel eindeutig der Name Jehovas steht, finden wir in dem Zitat aus Apostelgeschichte den Ausdruck κύριος „Herr“; dieser Ausdruck übersetzt aber zwei hebräische Wörter: zum einen den Namen Jehovas aber andererseits auch das Wort „Adon“, das ein fach „Herr“ bedeutet und sich sowohl auf Gott als auch auf andere Personen beziehen kann. Und da Jesus Herr ist, wie wir wiederholt im NT lesen können, ergibt sich bei jedem Vorkommen von κύριος im griechischen Text die Frage, ob sich das Wort auf Jehova, auf Jesus oder einen anderen Herrn bezieht.

Wie können wir die Frage an unserer Stelle beantworten? Im Kontext ist sowohl von Gott als auch von Jesus die Rede, wir können also keine der beiden Möglichkeiten von vornherein ausschließen.

Eine erste wichtige Frage lautet: an was für ein Publikum wandte sich Petrus? Gemäß Apostelgeschichte 2,5 handelte es sich um Juden, die aus allen Teilen der Erde zum Pfingstfest nach Jerusalem gekommen waren. Dieser Fakt hat wichtige Folgen für unser Verständnis.

Zum einen kannten diese Juden natürlich die Worte aus Joel. Und daher wussten sie, auf wen sie sich bezogen. Wenn sie diese Worte hörten, dann brauchten sie keine Erklärung, dass von Gott die Rede ist. Es wäre für diese Juden eine Überraschung gewesen, wenn ihnen jemand hätte erklären wollen, dass hier von jemand anderem als von Gott die Rede ist, dessen Namen man anrufen muss.

Hat ihnen das denn jemand erklärt? Wenn wir uns die folgenden Verse durchlesen, dann wird Jesus dort als „Mann“ beschrieben, also als menschlicher Diener Gottes. Es wird gesagt, dass Gott das Wirken Jesu durch Zeichen und Wunder bestätigte, womit Jesus wieder als Gesandter Gottes gekennzeichnet wird. Jesus wird als derjenige beschrieben, der nach Psalm 16, 10 von Gott von den Toten auferweckt wurde und als Nachkomme Davids.Keiner dieser Beschreibungen legte es einem Juden nahe, dass Jesu Name den Namen Jehovas in irgendeiner Weise ersetzen sollte.

Nun wird Jesus allerdings in Apostelgeschichte 2,36 als „Herr“ bezeichnet, wobei das gleiche Wort wie im Vers 21 benutzt wird. Ist Jesus damit der Herr, der nach Vers 21 angerufen werden sollte? Schauen wir uns diese Passage einmal näher an:

Apostelgeschichte 2,34-36: Denn nicht David ist in die Himmel aufgefahren; er sagt aber selbst: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße!“ Das ganze Haus Israel wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.

Petrus zitiert hier die Worte aus Psalm 110,1; hier kommt das Wort „Herr“ im griechischen Text zweimal vor und bezeichnet eindeutig zwei unterschiedliche Personen. Wie alle Juden wussten, bezeichnete das erste Wort „Herr“ Gott und war die Wiedergabe von „Jehova“ im hebräischen Text, während das zweite Wort „Herr“ den Messias bezeichnete. Petrus erklärt im unmittelbaren Zusammenhang diesen Vers. Dabei unterscheidet er Jesus von Gott, wie wir an der Wortwahl leicht erkennen können. Wenn Petrus also hier von Jesus als „Herr“ spricht, dann meint er damit eindeutig nicht, dass der Name Jesu jetzt den Namen „Jehova“ ersetzt, sondern im Gegenteil, er meint weiterhin, dass hier Gott der „Herr“ ist, wenn es um den „Herrn“ geht, der den Namen Jehovas wiedergibt.

Damit lernen wir zweierlei: zum ersten mussten die Juden im ersten Jahrhundert in der Lage gewesen sein zwischen der Benutzung des Wortes „Herr“ für Gott und der Benutzung des Wortes „Herr“ für den Christus zu unterscheiden (auch wenn ich jetzt nicht darauf eingehe, wie dies genau geschah); sie konnten zuordnen, welcher Herr nun Gott war und welcher Herr eine andere Person.

Zum anderen verstehen wir, dass im Kontext betrachtet, Apostelgeschichte 2,36 eindeutig nicht zeigt, dass Jesus als „Herr“ jetzt auf der gleichen Augenhöhe steht wie der „Herr“ Jehova. Das Zitat aus Psalm 110,1 macht einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden, der von Petrus auch genauso in seiner Erklärung beibehalten wurde.

Und damit hatten die jüdischen Zuhörer an keiner Stelle den geringsten Grund anzunehmen, dass sich das Zitat aus Apostelgeschichte 2,21 auf jemand anderen als Gott bezog. Petrus unterschied während seiner ganzen Rede deutlich zwischen Gott und Jesus als dem von Gott gesandten Messias; auch seine Bezugnahme auf Jesus als „Herr“ versuchte in keiner Form Jesus mit Jehova zu identifizieren. Deswegen können wir sicher sein, dass Petrus in Apostelgeschichte 2,21 von Gott redete, dessen Namen zur Rettung angerufen werden muss.

Wer gießt den heiligen Geist aus?

Was ist mit Apostelgeschichte 2,33, wo Petrus sagt, dass Jesus den heiligen Geist ausgegossen hat? Im Vers 17 wird diese Ausgießung des heiligen Geistes Gott zugesprochen. Wird dadurch Jesus nicht mit Gott identifiziert? Kann ich also alles in den Papierkorb werfen, was ich hier in meinen Computer getippt habe?  Nein und nein!

Zum ersten macht Petrus deutlich, dass Jesus den heiligen Geist, der ausgegossen wurde, von Gott empfangen hat. Allein damit wird klar, dass Jesus hier weiterhin nicht als Gott vorgestellt wird, sondern als der Beauftragte Gottes, der jetzt vom Himmel aus wirkt. Durch die Ausdrucksweise unterscheidet Petrus auch an dieser Stelle wieder Jesus von dem Gott, der den heiligen Geist ausgießt.

Zum zweiten ist dieser Satz eingebettet in eine Rede, in der Jesus auf die verschiedensten Weisen als Mensch vorgestellt wird, wie bereits oben besprochen. Wenn Petrus Jesus hier als den Gott hätte identifizieren wollen, der den heiligen Geist ausgießt, dann hätte er kaum ungeschickter vorgehen.

Und zum dritten hat Petrus direkt im Anschluss (wie bereits erwähnt) Jesus deutlich von Gott unterschieden. Es bleibt also dabei: Der Herr in Apostelgeschichte 2,21 muss Jehova sein. Und damit haben wir einen zusätzlichen wichtigen Fakt erkannt: Petrus war nicht nur der Meinung, dass der Name Jesus für die Rettung wichtig ist, wie er in Apostelgeschichte 4,12 erklärte, sondern er war als Jude natürlich auch weiterhin der Meinung, dass der Name Jehovas für die Rettung wichtig ist.

Welche Sprache?

Dabei gibt es noch einen wichtigen Aspekt: in welcher Sprache hielt Petrus seine Rede? Es dürfte kaum griechisch gewesen sein, denn die Aufzählung der anwesenden Nationen zeigt deutlich, dass auch eine erhebliche Anzahl Personen von außerhalb des Römischen Reiches anwesend waren. Wir können daher davon ausgehen, dass Petrus seine Rede in Hebräisch oder Aramäisch hielt.

Ich will hier an dieser Stelle nicht darüber nachdenken, ob Petrus den Namen Gottes in diesen Sprachen auch tatsächlich benutzt hatte (obwohl ich eine sehr entschiedene Meinung habe!), denn es ist für meine Fragestellung unbedeutend, ob hier Jesus als der Herr benannt wurde, dessen Name angerufen werden soll. Ich will einfach zu meinen Ungunsten) annehmen, dass Petrus tatsächlich die ganze Zeit „Herr“ sagte.

Dies ist egal, da die Verwirrung in Bezug auf die zwei Bedeutungen von „Herr“ so nur im Griechischen entstehen kann. Sowohl das Hebräische als auch das Aramäische hatten unterschiedliche Worte für „Herr“, von denen eins immer für Gott benutzt wurde und das andere für andere Herren. Und da Petrus im Vers 21 ein Zitat aus der heiligen Schrift brachte, konnte er natürlich nur das Wort „Herr“ benutzen, welches für Gott benutzt wurde (Adonaj bzw. Marja), da er ansonsten das Zitat geändert hätte. Für Jesus konnte er aber im Vers 36 dieses Wort nicht benutzen, da er dort den Unterschied zwischen beiden „Herren“ nach Psalm 110,1 erklärte, sondern er war gezwungen hier das allgemeine Wort für „Herr“ zu verwenden. Im Ergebnis also ist jegliche Verwirrung hier einzig und allein durch die Verwendung der griechischen Sprache begründet.

Fazit

Und wie kommen die eingangs erwähnten Herrschaften zu ihrer gegenteiligen Meinung, dass hier Jesus als der Herr bezeichnet wird, dessen Name wir zur Rettung anrufen müssen? Das ist ihr Geheimnis. An keiner Stelle kann ich eine Begründung für ihre Meinung finden. Insbesondere gibt es keine Begründung, welche die hier aufgeführten Punkte in irgendeiner Weise berücksichtigt, geschweige denn sie widerlegt. Es wird einfach vorausgesetzt, dass Jesu Name angerufen werden soll. Es bedarf keiner großen Phantasie um festzustellen, dass hier genau das vorausgesetzt wird, was mit diesem Vers eigentlich gezeigt werden soll.

Interessant ist auch, dass man zumindest an einigen Stellen auch im NT anhand des Kontextes eindeutig zuordnen kann, von welchem „Herr“ die Rede ist, selbst wenn im Kontext sowohl von Gott als auch von Jesus die Rede ist.

Ein weiterer Text, welcher sich (indirekt) mit den Namen Gottes und Jesu beschäftigt, ist Apostelgeschichte 8, Dazu ein andermal mehr.

2 Kommentare
  1. Chrisg sagte:

    Hallo hgp, vielen Dank für Deine letzten beiden tollen Artikel. Wie habe ich diese doch in der letzten Zeit vermisst! Siehst Du in Rö. 10,13 die Bezugnahme nicht so eindeutig aufgrund des Kontextes und/oder der römischen Leserschaft? Mitunter kommt es ja schon vor, dass atl. Ausagen, wie z.B. in Psalm 34,8, die sich ursprünglich auf JHWH bezogen („Schmeckt und seht, dass JHWH gut ist“), im NT auf Jesus angewandt werden (1. Petrus 2,3). Könnte das nicht auch in Rö. 10,13 der Fall sein?

  2. hgp3 sagte:

    Vielen Dank für die Komplimente. Römer 10,13 ist ein interessanter Fall, und ich tendiere derzeit dazu, dass sich der Vers auf Gott bezieht, aber um das wirklich ordentlich zu beantworten, müsste ich eine tiefgehende Analyse aller Paulus-Briefe vornehmen, um Fragen zu klären wie:
    -welches Verhältnis setzt Paulus zwischen Gott und Jesus bei seinen Aussagen voraus?
    -Sieht Paulus die Bezeichnung „Herr“ für Jesus als einen Namen an?
    -Wie kann man den Vers ins Verhältnis zu anderen Aussagen wie z.B. Philipper 2,9-11 setzen?

    Aber erst einmal kommt die Renovierung in Flur und Treppe :o(

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