Wachtturm, Ford und Nazis – eine neue Verschwörung?

Wie wir allerorten hören, leben wir in einem ‚postfaktischen‘ Zeitalter. Früher nannte man das: „da erzählt einer Schwachsinn“. Ein gelungenes Beispiel hierfür lief mir vor kurzem im Internet vor die (digitalen) Schwimmflossen: Die Wachtturmgesellschaft hätte während des zweiten Weltkriegs nicht nur kräftig in deutsche Rüstungsunternehmen investiert, nein, sie hätte sogar als „Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens“ ausländische Investitionen in Deutschland verwaltet. Auf Seiten wie z.B. „Gesichtsbuch“ empören sich rechtschaffenen (Ex-) Zeugen Jehovas, wie man doch ihr Vertrauen so pöse, pöse missbraucht hat. Die Implikationen sind klar: Während die deutschen Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern gequält wurden, hat die (amerikanische) Wachtturmgesellschaft kräftig am deutschen Vernichtungskrieg mitverdient.

Folgende Kommentare konnte ich u.a. im Internet erguhgeln (ich verlinke das mit Bedacht nicht):

Zeugen Jehovas behaupten immer wieder fälschlicherweise, sich strikt von der Welt getrennt zu halten. Besonders verweisen sie auf das Naziregime, mit welchem sie NIE verstrickt waren. 1998 begann auf Betreiben der BBC ein Forschungsprojekt zu den Aktivitäten „Ford Deutschland“ unter den Nazis. Peinlich für die Zeugen, dass FORD über seine Aktionäre Buch führte, wie es sich für ehrbare Kaufleute geziemt. Auszugsweise heißt es: „Als Teil der Kriegswirtschaft fielen die Ford-Werke und ihr Geschäftsbetrieb unter die Kontrolle des deutschen Rüstungsministeriums und anderer Regierungsbehörden. Im April 1941 ernannte die deutsche Regierung Robert Schmidt, Mitglied der Geschäftsführung der Ford-Werke, zum Wehrwirtschaftsführer, das heißt zu einem der Wirtschaftsführer, die den Heeresbedarf mit der Industrie koordinierten. Man richtete eine deutsche Heeresinspektionsstelle im Werk ein.“

Im folgenden Dokument, dass zum Download bereit steht, auf der Seite 18, Absatz 47 erhält der Leser Aufschluss darüber, in welcher Höhe die Wachtturm-Gesellschaft bei FORD beteiligt war. „Watch Tower Bible & Tract Society 1903: US$ 597,595,- Anteil 0.13%“


es kommt noch besser. Die WTG Deutschland war im Dritten Reich Reichskommisar zum betreuen feindlichen Vermögens. Auf gut deutsch. Die WTG Magdeburg hat das US Vermögen bei den Fordwerken verwaltet.


Von Selters omg und 1943 war watchtower ein Investor beim ford industries rüstungskonzern unter hitler und den nazos! Oha

Ja und was ist an der Sache dran? Wenn du dir den Bericht der Ford Motor Company durchliest, wirst auf der o.g. Seite 18 wirklich die Watch Tower Bible & Tract Society erwähnt finden. Das ist alles. Der Rest ist Blödsinn von Leuten, die nicht lesen können (oder wollen?). Wenn wir uns nämlich die Seite 2 der pdf (nummeriert mit „-1-„) durchlesen, finden wir dort folgende Erläuterung zu der Tabelle:

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges besaßen 250 amerikanische Firmen Vermögenswerte in Höhe von über 450 Millionen Dollar in Deutschland. Zehn dieser Unternehmen hielten 58,5 Prozent der gesamten Werte der amerikanischen Gesamtbeteiligungen. Mit 1,9 Prozent dieser Beteiligungen stand Ford an 16. Stelle der Beteiligungen. Ein Diagramm mit den 59 Unternehmen mit den höchsten Beteiligungen in Deutschland findet sich als Anlage A – Beteiligungen von US-Unternehmen in Deutschland 1943 – im Anhang.

Die Tabelle enthält also mitnichten Beteiligungen an Ford Deutschland, und auch nicht Geld, das amerikanische Firmen 1943 in Deutschland investierten, sondern amerikanische Vermögenswerte zum Stichjahr 1943, welche amerikanische Firmen bis zu diesem Jahr in Deutschland investiert hatten, wobei jeweils aufgelistet ist, in welche deutsche Gesellschaft investiert wurde. Und da hat die amerikanische Wachtturmgesellschaft nicht in Ford investiert, sondern (wie ausdrücklich erwähnt) in die deutsche Wachtturmgesellschaft und das nicht im Jahr 1943 sondern ab dem Jahr 1903. Wir können also unsere Aufregung wegen irgendwelcher Beteiligung des Wachtturms an der deutschen Rüstung wieder zurückfahren, sie hat nicht stattgefunden.

Und als Anmerkung: Den Aufstellern dieses Berichts war es egal, ob die in der Liste genannten Gesellschaften gewinnorientierte Unternehmen wie Ford waren, oder ob es sich um gemeinnützige Gesellschaften wie die Wachtturmgesellschaft handelte. Wichtig war ihnen, festzustellen, welche amerikanischen Vermögenswerte in Deutschland vorlagen.

Wer die Geschichte der Zeugen Jehovas kennt, der weiß, dass sich die genannte Summe höchstwahrscheinlich auf die Bethelgebäude in Magdeburg bezog, in denen Zeugen Jehovas in den zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre Literatur für Deutschland und benachbarte europäische Länder produzierten. Diese Gebäude wurden mitsamt der darin befindlichen Drucktechnik kurz nach der Machtergreifung der Nazis beschlagnahmt und unter Zwangsverwaltung gesetzt.

Und hier kommen wir zu der zweiten noch blöderen Behauptung, nämlich dass Zeugen Jehovas ausländisches Vermögen in Deutschland verwaltet hätte. In Wirklichkeit war es umgekehrt: Das Nazi-Reich stellte das Eigentum der Wachtturmgesellschaft unter Zwangsverwaltung. Der „Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens“ war nämlich keine Tarnorganisation der Wachtturmgesellschaft, sondern mit den Worten des Bundesarchivs:

Eingesetzt durch Verordnung vom 15.01.1940 mit Zuständigkeit für die Beschlagnahme und Verwaltung des beweglichen wie unbeweglichen Vermögens von am Zweiten Weltkrieg gegen das Deutsche Reich beteiligten Staaten und ihrer Staatsangehörigen im ganzen Reichsgebiet, dem Protektorat Böhmen und Mähren und in Luxemburg; nachgeordnet dem Reichsjustizminister; Abwicklung der Aufgaben bis zur Unterstellung des verwalteten Feindvermögens durch Gesetz Nr. 52 der Militärregierung unter die Kontrolle der Besatzungsmächte durch den Treuhänder für das Vermögen der alliierten Staaten und ihrer Staatsangehörigen.

Zusammengefasst: Die Wachtturmgesellschaft war in keiner Weise an Ford oder anderen Rüstungskonzernen im dritten Reich beteiligt, noch verwaltete sie irgendwelche ausländische Gelder. Im Gegenteil wurde das Eigentum der Wachtturmgesellschaft von den Nazis konfisziert und zwangsverwaltet.

Was uns zu der eigentlichen Frage bringt: Wieso glaubt irgend jemand die eingangs genannten Falschaussagen? Wieso werde sie weiterverbreitet? Und wieso machen sich diese Personen nicht einmal für fünf Minuten die Mühe, diese Aussagen kritisch zu prüfen? Steckt dahinter einfach Unfähigkeit? Oder steckt dahinter der Wille, eine bestimmte Sichtweise der Welt als richtig anzuerkennen, ohne sich mit Fakten belasten zu wollen? Die Aussagen sind so offensichtlich falsch, dass jeder, der irgendwann einmal mit Zeugen Jehovas zu tun hatte, das auf den ersten Blick hätte erkennen müssen, selbst wenn er selber keiner mehr ist und sein will.

1 Kommentar
  1. B.Simon sagte:

    Schade um die Zeit, die dafür aufgewandt werden muss. um diesen „Schwachsinn“ zu widerlegen. Jehovas Zeugen wurden schon kurz nach der „Machtergreifung“ verboten, wie sollen sie da noch Geschäfte (zu dem noch welche mit Rüstungsunternehmen) gemacht haben? Ich kann darauf nur antworten: „Antworte einem Unvernünftigen nicht gemäß seiner Torheit, damit du auch du ihm nicht gleich wirst.“ Spr 26:4

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